Die Mehrfach-Falle 2026
Über 350'000 Menschen in der Schweiz arbeiten in mehr als einem Job — Tendenz steigend. Für eine Putzkraft mit vier Haushalten kann das heissen: ein volles Einkommen, aber null berufliche Vorsorge. Eine Studie über einen blinden Fleck im Schweizer Sozialsystem, der vor allem Frauen trifft.
Zusammenfassung
Mehrere Jobs gleichzeitig sind in der Schweiz längst keine Ausnahme mehr. Über 350'000 Erwerbstätige — 8,1 % aller Beschäftigten — arbeiten in zwei oder mehr Stellen. Der Anteil hat sich seit 1991 mehr als verdoppelt. Besonders verbreitet ist das Muster in der Haushaltsarbeit, wo eine einzelne Putzkraft typischerweise für mehrere Haushalte zugleich arbeitet — viele kleine Anstellungen statt einer grossen.
Genau hier entsteht eine Falle, die kaum jemand kennt. Die Pflicht zur beruflichen Vorsorge (2. Säule, BVG) wird pro Arbeitgeber geprüft, nicht auf dem Gesamteinkommen. Wer 2026 bei einem einzelnen Arbeitgeber weniger als CHF 22'680im Jahr verdient, fällt durch das Raster — egal, wie hoch das Gesamteinkommen über alle Stellen hinweg ist. Eine Putzkraft mit vier Haushalten zu je CHF 6'000 verdient CHF 24'000 im Jahr und baut trotzdem null Altersvorsorge auf.
Die Pointe für die Haushaltsarbeit: Es ist nicht der zu tiefe Lohn, der hier zur Vorsorgelücke führt, sondern die Aufteilung desselben Lohns auf mehrere Arbeitgeber. Und weil 97 % der Haushaltshilfen Frauen sind und Mehrfachbeschäftigung in der Schweiz ohnehin überdurchschnittlich weiblich ist, trifft diese strukturelle Lücke vor allem eine Gruppe doppelt.
Mehrfachbeschäftigung: der unsichtbare Normalfall
Was wie eine Randerscheinung klingt, ist ein klarer Langfristtrend. 1991 hatten 4,1 % der Erwerbstätigen mehr als eine Stelle, 2009 bereits 7,4 %, und 2025 sind es 8,1 % — über 350'000 Menschen. Der Anteil hat sich in gut drei Jahrzehnten mehr als verdoppelt. Hinter der Zahl stehen unterschiedliche Lebensrealitäten: Manche kombinieren freiwillig zwei Teilzeitstellen, viele aber stückeln aus wirtschaftlicher Notwendigkeit mehrere kleine Anstellungen zusammen. Die Haushaltsarbeit ist dafür das Paradebeispiel — hier ist die Kombination mehrerer Stellen im selben Sektor (eine Putzkraft, mehrere Haushalte) der Regelfall, nicht die Ausnahme.
Anteil der Erwerbstätigen mit mehr als einer Stelle, 1991–2025 (BFS, Schweizerische Arbeitskräfteerhebung SAKE). Heute über 350’000 Personen.
Eine weibliche Geschichte
Mehrfachbeschäftigung ist in der Schweiz nicht geschlechtsneutral. 10,5 % der erwerbstätigen Frauen arbeiten in mehreren Stellen, aber nur 5,8 % der Männer — fast doppelt so viele Frauen wie Männer. Die Schweiz hat damit die grösste Geschlechterdifferenz bei der Mehrfachbeschäftigung aller EU- und EFTA-Staaten. Und genau dort, wo dieses Muster am dichtesten auftritt, sind Frauen ohnehin in der Überzahl: 97 % der Haushaltshilfen sind Frauen. Mehrere kleine Stellen im selben Sektor zu kombinieren ist für sie der Berufsalltag — und damit auch die Vorsorgelücke, die daraus entstehen kann.
Die BVG-Falle: voller Lohn, keine Pension
Die berufliche Vorsorge ist die 2. Säule des Schweizer Drei-Säulen-Systems — neben AHV (1. Säule) und privater Vorsorge (3. Säule). Sie soll im Alter zusammen mit der AHV den gewohnten Lebensstandard sichern. Doch sie greift erst ab einer Einkommensschwelle: Wer 2026 bei einem Arbeitgeber weniger als CHF 22'680 im Jahr verdient, ist nicht obligatorisch versichert. Entscheidend ist das Wort bei einem Arbeitgeber: Die Schwelle wird pro Anstellung geprüft, nicht auf dem zusammengezählten Gesamteinkommen.
Das Rechenbeispiel macht den Mechanismus greifbar. Eine Putzkraft arbeitet für vier Haushalte und verdient bei jedem CHF 6'000 im Jahr — zusammen CHF 24'000. Über der Schwelle, könnte man meinen. Doch weil jede einzelne Stelle bei CHF 6'000 liegt und damit weit unter den CHF 22'680, ist keine davon BVG-pflichtig. Ergebnis: ein volles Einkommen, aber null berufliche Vorsorge. Dasselbe Einkommen bei einem Arbeitgeber läge über der Schwelle — und wäre versichert.
BVG-Eintrittsschwelle CHF 22’680 (pro Arbeitgeber) ▸
Aufgeteilt auf 4 Haushalte · 0 BVG — keine 2. Säule
Bei einem Arbeitgeber · BVG-versichert
Die BVG-Pflicht gilt PRO Arbeitgeber, nicht für das Gesamteinkommen. Eine Putzkraft mit vier Haushalten zu je CHF 6’000 verdient CHF 24’000 — und baut trotzdem null berufliche Vorsorge auf, weil jede Stelle unter der Schwelle liegt. Dasselbe Geld bei einem Arbeitgeber wäre versichert. Quelle: canton-data.ts BVG_CONFIG 2026.
Vier Haushalte, ein volles Einkommen, null Pension — nicht wegen zu wenig Lohn, sondern wegen der Aufteilung.
Die Reform, die das hätte ändern sollen
Das Problem ist der Politik bekannt. Die BVG-Reform (BVG-21) sah unter anderem vor, die Eintrittsschwelle von CHF 22'680 auf CHF 19'845 zu senken — ausdrücklich, um Tieflohn-, Teilzeit- und Mehrfachbeschäftigte besser in der 2. Säule zu versichern. Am 22. September 2024 lehnten die Stimmberechtigten die Vorlage mit 67,1 % Nein ab (nur rund 32 % Ja) — eines der deutlichsten Resultate einer eidgenössischen Abstimmung seit 2010.
Über das Ja oder Nein lässt sich hier kein Urteil fällen — die Vorlage umfasste weit mehr als nur diese Schwelle, und die Stimmberechtigten haben entschieden. Wichtig ist eine sachliche Einordnung für den Mehrfach-Fall: Selbst die tiefere Schwelle von CHF 19'845 hätte das hier beschriebene Problem nicht vollständig gelöst. Denn jede einzelne CHF-6'000-Stelle läge auch darunter. Solange die Schwelle pro Arbeitgeber gilt und nicht auf dem Gesamteinkommen, bleibt die Aufteilung auf viele kleine Stellen die eigentliche strukturelle Hürde — unabhängig davon, wo genau die Schwelle gezogen wird.
Was eine Lohnplattform daran ändert
Die strukturelle Schwelle lässt sich auf Gesetzesebene nicht über Nacht verschieben. Auf der praktischen Ebene aber gibt es einen Hebel: Transparenz über das Gesamteinkommen. Clino aggregiert den Lohn einer Haushaltshilfe über alle Arbeitgeber hinweg und weist darauf hin, wenn die Gesamtsumme die BVG-Schwelle erreicht — damit eine freiwillige Vorsorge überhaupt geprüft werden kann. Was heute zwischen vier separaten Lohnabrechnungen unsichtbar bleibt, wird so sichtbar.
Gleichzeitig adressiert eine Lohnplattform das Problem an seiner Wurzel: Sie macht jede noch so kleine Stelle einfach anmeldbar. Genau das ist der Punkt, an dem viele Haushalte heute scheitern — jeder denkt sich «das ist zu wenig, das lohnt sich nicht», und die Anstellung bleibt informell. Damit fällt die Putzkraft nicht nur aus der 2. Säule, sondern oft auch aus AHV und Unfallversicherung. Eine niederschwellige Anmeldung verbindet beides: Sie holt kleine Stellen aus der Schwarzarbeit und macht die Vorsorgelücke überhaupt erst adressierbar.
Überraschende Erkenntnisse
Dasselbe Einkommen, ein anderes Vorsorge-Ergebnis
CHF 24'000 sind nicht gleich CHF 24'000. Bei einem Arbeitgeber sind sie BVG-versichert, aufgeteilt auf vier Haushalte ergeben sie null berufliche Vorsorge. Nicht die Höhe des Lohns entscheidet über die 2. Säule, sondern allein seine Verteilung — ein kontraintuitiver Mechanismus, der gerade die Haushaltsarbeit systematisch benachteiligt.
Auch die abgelehnte Reform hätte den Mehrfach-Fall nicht voll gelöst
Die in der Abstimmung vom 22. September 2024 vorgesehene tiefere Schwelle von CHF 19'845 hätte mehr Menschen versichert — eine einzelne CHF-6'000-Stelle läge aber weiterhin darunter. Solange die Schwelle pro Arbeitgeber gilt, bleibt die Aufteilung des Einkommens die eigentliche Hürde, unabhängig vom genauen Schwellenwert.
Mehrfachbeschäftigung trifft Frauen doppelt
Frauen sind mit 10,5 % gegenüber 5,8 % der Männer fast doppelt so häufig mehrfachbeschäftigt — die grösste Geschlechterdifferenz aller EU-/EFTA-Staaten. Und der Sektor, in dem das Muster am dichtesten auftritt, ist zu 97 % weiblich. Die BVG-Falle ist damit nicht geschlechtsneutral, sondern trifft vor allem Frauen in der Haushaltsarbeit.
Quellen
- BFS — Mehrfachbeschäftigung (SAKE) (1991–2025) — Anteil der Erwerbstätigen mit mehreren Stellen, Geschlechterdifferenz
- Bundeskanzlei / BSV — BVG-Reform-Abstimmung (22.09.2024) — Ablehnung mit 67,1 % Nein, vorgesehene Schwelle CHF 19’845
- Clino canton-data.ts (BVG_CONFIG) (2026) — BVG-Eintrittsschwelle CHF 22’680 pro Arbeitgeber, Koordinationsabzug CHF 26’460
- Quitt (2026) — 97 % der Haushaltshilfen sind Frauen
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Über Clino
Clino ist eine Schweizer SaaS-Plattform, die privaten Haushalten ermöglicht, ihre Haushaltshilfe legal anzustellen — Lohnabrechnung, Arbeitsvertrag, AHV-Anmeldung und Unfallversicherung inklusive. CHF 19.90/Monat. Alle 26 Kantone. Gegründet 2025 in Zürich. clino.ch
