Schule bis 15.20 Uhr, Arbeit bis 18 Uhr
Diese Woche hat das Schuljahr wieder begonnen, und mit ihm der älteste Konstruktionsfehler des Schweizer Familienalltags: Die Primarschule schliesst je nach Stadt zwischen 15.00 und 16.15 Uhr, an freien Nachmittagen schon um 11.30 Uhr, mittwochs fast überall. Wer 100 Prozent arbeitet, ist vor 18 Uhr nicht zurück. Pro Woche fehlen so 22,5 bis 27,8 Stunden Betreuung.
Eine Clino-Datenanalyse der offiziellen Stundenpläne, Blockzeiten und Betreuungstarife der zehn grössten Schulstädte rechnet das 15.30-Uhr-Problem erstmals stadtscharf durch: Wie gross die Lücke für ein Drittklass-Kind zweier Vollzeit-Eltern ist, was sie zum Höchsttarif kostet, und wo sie am meisten Lohn frisst. Die Spannweite ist erheblich: von CHF 3'880 pro Jahr in Genf bis CHF 15'525 in Biel, und in zwei Städten ist der Preis nicht einmal öffentlich.
Zusammenfassung
Ein Vollzeitpensum bindet Eltern von Montag bis Freitag rund zehn Stunden pro Tag: 8 Stunden 21 Minuten Vertragsarbeitszeit, die gesetzliche Mindestpause und zweimal 30 Minuten durchschnittlicher Arbeitsweg ergeben eine Abwesenheit von 8 bis etwa 18 Uhr. Die Primarschule deckt davon je nach Stadt nur 22,3 bis 28,5 Stunden pro Woche ab. Was bleibt, ist eine strukturelle Betreuungslücke von 22,5 Stunden (Lugano) bis 27,8 Stunden (Biel/Bienne) pro Schulwoche, verteilt auf Mittagspausen ohne Unterricht, schulfreie Nachmittage, den fast überall freien Mittwochnachmittag und die Zeit zwischen Schulschluss und Feierabend.
Diese Lücke entspricht einem Arbeitspensum von 51 bis 66 Prozent, das jede Woche jemand übernehmen muss: ein Elternteil, Grosseltern, oder die schulergänzende Betreuung der Stadt. Wer sie einkauft, zahlt als Doppelverdiener-Paar fast überall den Höchsttarif, und der variiert gewaltig: Die Jahresbrücke kostet in Genf CHF 3'880 (die aber den Mittwoch nicht abdeckt), in St. Gallen und Basel rund 5'900, in Zürich 7'600, in Bern 14'100 und in Biel/Bienne CHF 15'525. Gemessen am Medianlohn der Region frisst die Brücke zwischen 4,6 und 18,6 Prozent eines Jahreseinkommens. In Winterthur und Lugano lässt sich der Preis nicht einmal beziffern: Winterthur publiziert seine Modulpreise nicht, Lugano seine Tariftabelle nicht.
Der Zugang ist so ungleich wie der Preis. Zürich und Winterthur garantieren jedem Kind einen Platz, Bern betreut in allen 18 Schulstandorten und zählt 44,3 Prozent aller Stadtkinder in der Tagesbetreuung. Genf deckt nach eigenen Angaben 100 Prozent der Nachfrage, nur mittwochs gibt es gar kein Angebot, ausgerechnet im einzigen Kanton, dessen Verfassung Betreuung «an jedem Schultag» garantiert. In der Waadt warten Eltern laut Berichten 6 bis 12 Monate auf einen Platz. Und in Lugano sind Doppelverdiener-Paare die letzte Prioritätskategorie für einen Mensa-Platz und reichen dafür eine Arbeitgeberbescheinigung mit Lohn und Arbeitszeiten ein. Nur 13 Prozent der Schweizer Paare mit Kindern arbeiten beide Vollzeit, einer der tiefsten Werte Europas. Diese Studie zeigt in Zahlen, warum.
Das Elternfenster: 50 Stunden, von denen die Schule gut die Hälfte deckt
Die Rechnung beginnt beim Bund: Eine Vollzeitstelle umfasst 41 Stunden 47 Minuten Vertragsarbeitszeit pro Woche (BFS, Arbeitsvolumenstatistik 2024), das Arbeitsgesetz schreibt ab 7 Stunden Arbeit mindestens 30 Minuten Pause vor, und der durchschnittliche Arbeitsweg dauert 30 Minuten pro Richtung (BFS, Pendlermobilität 2023). Zusammen ergibt das eine Abwesenheit von 9 Stunden 51 Minuten pro Tag: Wer um 8 Uhr das Kind zur Schule bringt, ist im Modellfall um kurz vor 18 Uhr zurück. Das Elternfenster, das es zu decken gilt, beträgt also 50 Stunden pro Woche, exakt der Rahmen, für den Kitas gebaut sind. Mit dem Übertritt in die Primarschule bricht er zusammen.
Schulpräsenz heisst: die Zeit, in der das Kind gemäss offiziellen Blockzeiten und Stundenplänen beaufsichtigt in der Schule ist. Selbst die grosszügigste Stadt, Lugano mit Unterricht bis 16.15 Uhr, deckt 57 Prozent des Elternfensters. Die knappste, Biel/Bienne mit Schulschluss um 11.45 Uhr am Mittwoch und Freitag, deckt 45 Prozent.
Die Lücke, Stadt für Stadt
Für ein Kind der 3. Klasse, in dem Alter, in dem die meisten Kantone 2 bis 4 Unterrichtsnachmittage vorsehen, reicht die Wochenlücke von 21,5 Stunden in Lugano bis 27,8 Stunden in Biel/Bienne. Auffällig: Die Romandie- und Tessiner Schulen halten die Kinder länger, die Deutschschweizer Städte schicken sie früher nach Hause. Genf und Lugano unterrichten bis 16.00 beziehungsweise 16.15 Uhr; in Luzern, St. Gallen, Winterthur und Biel ist um 15.20 Uhr Schluss, in Bern teils schon um 15.00 Uhr.
| # | Stadt | Std. |
|---|---|---|
| 1 | Biel/Bienne (BE)früheste Schulschlüsse: Mittwoch und Freitag ab 11.45 Uhr frei | 27,8 |
| 2 | St. Gallen (SG)Mittwoch- und Freitagnachmittag frei | 26,7 |
| 3 | Lausanne (VD)Schulstart erst 8.30 Uhr, Mittagspause über 2 Std. | 26,7 |
| 4 | Bern (BE) | 26,2 |
| 5 | Luzern (LU) | 26,2 |
| 6 | Winterthur (ZH) | 25,9 |
| 7 | Zürich (ZH) | 24,4 |
| 8 | Basel (BS) | 23,5 |
| 9 | Genf (GE)längste Schulpräsenz, aber Lücke bleibt 22,5 Std. | 22,5 |
| 10 | Lugano (TI)Schule bis 16.15 Uhr, dafür 2 Std. Mittagsloch | 21,5 |
Betreuungslücke pro Schulwoche für ein Kind der 3. Klasse: 50 Stunden Elternfenster (Mo–Fr 8–18 Uhr, hergeleitet aus 41 Std. 47 Min. Vollzeitwoche, gesetzlicher Mindestpause und 2 × 30 Min. Arbeitsweg, BFS 2023/24) minus beaufsichtigte Schulzeit gemäss offiziellen Blockzeiten und Stundenplänen 2025/26. ZH- und Bern-Nachmittage modellhaft (Details Methodik). Quellen: Stadt-/Kantonsangaben; eigene Berechnung.
Umgerechnet in Arbeitszeit entspricht die Lücke einem Pensum von 51 Prozent (Lugano) bis 66 Prozent (Biel/Bienne) einer 41-Stunden-47-Minuten-Woche. Es ist ein halber Job, den das Schweizer Schulsystem jede Woche an die Familien zurückdelegiert, und der in keiner Arbeitsmarktstatistik auftaucht.
Woraus die Lücke besteht: Mittag, Mittwoch und die Zeit nach 15.30 Uhr
Die Lücke hat überall dieselben vier Bausteine, aber jede Stadt mischt sie anders. In Lugano ist das grösste Loch der Mittag: Die Schule schliesst um 11.30 Uhr und öffnet erst um 13.30 Uhr wieder, zwei Stunden pro Tag, viermal pro Woche, das Kind isst zuhause, so sieht es das System seit jeher vor. In Lausanne dauert die Mittagspause über zwei Stunden, und der Unterricht beginnt erst um 8.30 Uhr. In Basel ist die Pause mit 12.15 bis 14.00 Uhr kantonal fixiert. Und in St. Gallen und Biel/Bienne sind gleich zwei Nachmittage komplett schulfrei, Mittwoch und Freitag.
| Stadt | Mittag | Freie Nachmittage | Nach Schulschluss | Vor Schulbeginn | Total |
|---|---|---|---|---|---|
| Biel/Bienne (BE) | 6 | 12,5 | 8 | 1,3 | 27,8 |
| St. Gallen (SG) | 6 | 12,7 | 8 | 0 | 26,7 |
| Lausanne (VD) | 8,7 | 6,2 | 9,3 | 2,5 | 26,7 |
| Bern (BE) | 6,3 | 6,2 | 12 | 1,7 | 26,2 |
| Luzern (LU) | 8 | 6,3 | 10,7 | 1,3 | 26,2 |
| Winterthur (ZH) | 5,7 | 12,3 | 7 | 0,8 | 25,9 |
| Zürich (ZH) | 4,5 | 12 | 7,9 | 0 | 24,4 |
| Basel (BS) | 5,3 | 11,5 | 6,8 | 0 | 23,5 |
| Genf (GE) | 8 | 6,5 | 8 | 0 | 22,5 |
| Lugano (TI) | 8 | 6,5 | 7 | 0 | 21,5 |
Mittag: Zeit zwischen Unterrichtsende am Vormittag und -beginn am Nachmittag. Freie Nachmittage: schulfreie Nachmittage (inkl. Mittwoch) bis 18 Uhr. Nach Schulschluss: Schulschluss bis 18 Uhr an Unterrichtsnachmittagen. Vor Schulbeginn: 8 Uhr bis Schulstart. Rundungsdifferenzen möglich. Quellen: offizielle Stundenpläne/Blockzeiten 2025/26; eigene Berechnung.
Der Mittwochnachmittag ist dabei eine eidgenössische Institution: In allen zehn Städten hat ein Drittklass-Kind mittwochs keinen Unterricht. Acht Städte fangen ihn mit Betreuungsmodulen auf. Die Ausnahme ist ausgerechnet Genf: Das Parascolaire GIAP hält in seinen Bedingungen fest: «Il n'y a pas de prise en charge le mercredi», keine Betreuung am Mittwoch, und das im einzigen Kanton, dessen Verfassung in Art. 204 eine Tagesbetreuung «an jedem Schultag» («chaque jour scolaire») garantiert. Der Kanton Zürich wiederum diagnostiziert das Problem in seinem eigenen Monitoringbericht: «Am Mittwoch sind Mittags- und Nachmittagsangebote vergleichsweise selten.»
Was die Brücke kostet: von CHF 3'880 bis CHF 15'525 pro Jahr
Alle zehn Städte kennen schulergänzende Betreuung mit einkommensabhängigen Tarifen. Für Doppelverdiener-Paare heisst das fast überall: Höchsttarif. Wer die volle Lücke mit städtischen Modulen schliesst, Mittagstisch plus Nachmittagsbetreuung bis 18 Uhr, zahlt pro Kind und Schuljahr:
| # | Stadt | CHF |
|---|---|---|
| 1 | Biel/Bienne (BE)Stundentarif 13.14 + CHF 8 pro Mittagessen | 15’525 |
| 2 | Bern (BE)Stundentarif 13.14 + CHF 9 pro Mittagessen | 14’127 |
| 3 | Luzern (LU)Mittagsmodul allein: CHF 30 pro Tag | 10’754 |
| 4 | Lausanne (VD) | 10’374 |
| 5 | Zürich (ZH)Tagesschul-Mittag CHF 6, günstigster der Schweiz | 7’566 |
| 6 | Basel (BS) | 5’873 |
| 7 | St. Gallen (SG) | 5’862 |
| 8 | Genf (GE)nur 4 Tage abdeckbar: mittwochs kein GIAP-Angebot | 3’880 |
Städtische Betreuungsmodule (Mittag + Nachmittage bis 18 Uhr, Mahlzeiten inkl.), Höchsttarif × Schulwochen, Tarife 2025/26 bzw. ab August 2026. Doppelverdiener-Paare zahlen fast überall den Höchsttarif. Winterthur: Modulpreise nicht publiziert (Vollkosten CHF 105/Tag). Lugano: Tariftabelle nicht publiziert. Quellen: offizielle Tarifblätter; eigene Berechnung.
Der Unterschied ist kein Detail: Zwischen St. Gallen (CHF 5'862) und Biel/Bienne (CHF 15'525) liegt der Faktor 2,6, bei vergleichbarer Leistung. Die Erklärung liegt im Tarifmodell: Bern und Biel verrechnen die Betreuung pro Stunde, zum Höchsttarif von CHF 13.14, plus 8 bis 9 Franken pro Mittagessen. Städte mit Modulpreisen sind günstiger, und Zürich hat mit dem Tagesschul-Mittagessen von CHF 6 den billigsten Mittag der Schweiz, Lausanne mit CHF 35.75 pro Mittagsmodul den teuersten.
| Stadt | Höchsttarif ab (massgebendes Einkommen) | Mittagsbetreuung, Höchsttarif |
|---|---|---|
| Winterthur (ZH) | CHF 77’575 | nicht publiziert |
| St. Gallen (SG) | CHF 95’000 | CHF 15.80 |
| Zürich (ZH) | CHF 100’000 | CHF 6 / 18 |
| Luzern (LU) | CHF 130’001 | CHF 30 |
| Biel/Bienne (BE) | CHF 170’000 | CHF 13.14/Std. + 8 |
| Bern (BE) | CHF 170’000 | CHF 13.14/Std. + 9 |
| Lausanne (VD) | ab CHF 14’001 Monatseinkommen | CHF 35.75 |
| Basel (BS) | Standardtarif für alle, Ermässigung auf Antrag | CHF 14.65 |
| Genf (GE) | Einheitstarif für alle | CHF 7.50 |
| Lugano (TI) | nicht publiziert | nicht publiziert |
Massgebendes bzw. steuerbares Einkommen gemäss städtischem/kantonalem Tarifreglement 2025/26 bzw. ab August 2026. Mittag: Modulpreis inkl. Essen; Bern und Biel verrechnen Betreuung pro Stunde (max. 13.14) plus Essen. Genf: Einheitstarif für alle Einkommen (Abo, plus CHF 7.50 Essen). Winterthur: über der Schwelle gilt der Vollkostentarif von CHF 105 pro Tag. Quellen: offizielle Tarifblätter.
Ebenso entscheidend ist, ab welchem Einkommen der Höchsttarif greift. Winterthur zieht die Grenze bei CHF 77'575 steuerbarem Einkommen, ein einziger Vollzeit-Medianlohn reicht dafür fast; darüber gilt der Vollkostentarif von CHF 105 pro Betreuungstag. Bern und Biel verlangen den Höchsttarif erst ab CHF 170'000. Genf kennt gar keine Progression nach oben: Dort zahlen alle denselben Basistarif, nur Rabatte nach unten sind möglich.
Wo die Brücke am meisten Lohn frisst
Absolute Preise sagen wenig, solange die Löhne so unterschiedlich sind wie in der Schweiz: Der Medianlohn reicht von CHF 7'502 in der Region Zürich bis CHF 5'708 im Tessin (LSE 2024). Setzt man die Jahresbrücke ins Verhältnis zu zwölf regionalen Medianlöhnen, kippt das Ranking:
| # | Stadt | % |
|---|---|---|
| 1 | Biel/Bienne (BE)fast ein Fünftel eines Medianlohns | 18,6 |
| 2 | Bern (BE) | 16,9 |
| 3 | Luzern (LU) | 12,6 |
| 4 | Lausanne (VD) | 12,4 |
| 5 | Zürich (ZH) | 8,4 |
| 6 | St. Gallen (SG) | 7,4 |
| 7 | Basel (BS) | 6,8 |
| 8 | Genf (GE)tiefster Wert, deckt aber nur 4 Tage | 4,6 |
Jahreskosten der Betreuungsbrücke (Höchsttarif) geteilt durch 12 Monats-Medianlöhne der Grossregion der Stadt (LSE 2024: Zürich 7’502, Nordwestschweiz 7’156, Zentralschweiz 7’092, Genferseeregion 6’998, Espace Mittelland 6’964, Ostschweiz 6’623). Das BFS publiziert keine kantonalen Medianlöhne. Quellen: BFS LSE 2024; offizielle Tarifblätter; eigene Berechnung.
In Biel/Bienne kostet die Betreuungsbrücke 18,6 Prozent eines regionalen Medianlohns, fast einen Fünftel, in Bern 16,9 Prozent. Am anderen Ende zahlt eine Genfer Familie 4,6 Prozent, für ein Angebot ohne Mittwoch. Und das Tessin fehlt in diesem Ranking aus einem bezeichnenden Grund: Lugano publiziert seine Tariftabelle nicht, bei den tiefsten Löhnen der Schweiz bleibt der Preis der Lücke offiziell unbeziffert.
Platzgarantie, Bedarfsklausel oder Warteliste: der Zugang
Der Tarif nützt nichts ohne Platz. Hier trennen sich die Städte in drei Welten. Zürich («jedes Kind hat Anrecht auf einen Betreuungsplatz», 72 Tagesschulen ab diesem Schuljahr, alle bis 2030) und Winterthur («Jedes Kind … wird aufgenommen») garantieren den Platz. Die meisten Deutschschweizer Kantone kennen eine Bedarfsklausel: Die Gemeinde muss ein Angebot führen, wenn genügend Nachfrage besteht, im Kanton Bern ab zehn Kindern, in Luzern theoretisch ab einem einzigen Kind. Und in der Romandie und im Tessin entscheiden Prioritätenordnungen und Wartelisten: Lausanne priorisiert erwerbstätige Eltern ohne Platzgarantie, im Kanton Waadt berichten Familien von 6 bis 12 Monaten Wartezeit. Lugano vergibt Mensa- und Doposcuola-Plätze nach einer vierstufigen Prioritätenordnung, in der Doppelverdiener-Paare die letzte Kategorie bilden, nach Alleinerziehenden, Härtefällen und Familien der Sozialdienste, und verlangt dazu eine Arbeitgeberbescheinigung mit Bruttolohn, Arbeitsort und Arbeitszeiten.
| Stadt | Anspruch | Betreuung bis | Mittwoch abgedeckt |
|---|---|---|---|
| Biel/Bienne (BE) | bedarfsabhängig | 18.15 | ja |
| St. Gallen (SG) | bedarfsabhängig | 18.00 | ja |
| Lausanne (VD) | Priorisierung/Warteliste | 18.30 | ja |
| Bern (BE) | bedarfsabhängig | 18.00 | ja |
| Luzern (LU) | bedarfsabhängig | 18.00 | ja |
| Winterthur (ZH) | Platzgarantie | 18.00 | ja |
| Zürich (ZH) | Platzgarantie | 18.00 | ja |
| Basel (BS) | bedarfsabhängig | 18.00 | ja |
| Genf (GE) | Platzgarantie | 18.00 | nein |
| Lugano (TI) | Priorisierung/Warteliste | 19.00 | ja |
Anspruch: «Platzgarantie» = jedes Kind wird aufgenommen (Zürich, Winterthur) bzw. Verfassungsauftrag mit 100 % Nachfragedeckung (Genf); «bedarfsabhängig» = Gemeindepflicht bei genügender Nachfrage, teils mit Anmeldefristen und Wartelisten; «Priorisierung» = begrenzte Plätze nach Prioritätenordnung (Lugano: Doppelverdiener letzte Kategorie) bzw. keine Garantie mit realen Wartelisten (Lausanne). Genf: mittwochs kein GIAP-Angebot. Quellen: Gesetze, AGB und Stadtseiten 2025/26.
Auch wo der Zugang funktioniert, wird er rege genutzt: In Bern besucht 44,3 Prozent aller Stadtkinder die Tagesbetreuung (im Schulkreis Breitenrain-Lorraine 58,3 Prozent), in Winterthur sind es 47 Prozent, in St. Gallen 43 Prozent, und beim Genfer GIAP sind rund 80 Prozent der Schulkinder eingeschrieben, 30'000 Kinder. Die Nachfrage ist da. Die Frage ist, was sie kostet und wer hineinkommt.
Drei Wege, die Lücke zu schliessen, und was sie kosten
Familien haben im Kern drei Optionen: die städtischen Module, eine privat angestellte Nanny, oder ein Elternteil reduziert das Pensum. Alle drei haben einen Preis, und er unterscheidet sich um ein Mehrfaches:
| Stadt | Städtische Module (Höchsttarif) | Nanny (legal angestellt) | Pensumsverzicht (Lohnausfall) |
|---|---|---|---|
| Biel/Bienne (BE) | 15’525 | 32’399 | 55’501 |
| St. Gallen (SG) | 5’862 | 31’304 | 50’723 |
| Lausanne (VD) | 10’374 | 30’729 | 53’595 |
| Bern (BE) | 14’127 | 29’652 | 52’334 |
| Luzern (LU) | 10’754 | 29’228 | 53’296 |
| Winterthur (ZH) | nicht publiziert | 29’907 | 55’839 |
| Zürich (ZH) | 7’566 | 27’552 | 52’607 |
| Basel (BS) | 5’873 | 27’000 | 48’297 |
| Genf (GE) | 3’880 | 26’368 | 45’220 |
| Lugano (TI) | nicht publiziert | 23’772 | 35’245 |
Module: Höchsttarif × Schulwochen (Mahlzeiten inkl.). Nanny: Lücke in Stunden zu CHF 25/Std., alle Arbeitgeberbeiträge inkl. (ordentliches Verfahren, mit dem Clino-Lohnrechner berechnet), × Schulwochen. Pensumsverzicht: Lücke als Anteil der 41-Std.-47-Min.-Woche × 12 regionale Medianlöhne (LSE 2024) — entgangener Bruttolohn, wenn ein Elternteil selbst betreut. Quellen: Tarifblätter; BFS; eigene Berechnung.
Pensum reduzieren (Beispiel Biel/Bienne)
- •CHF 55’501 entgangener Bruttolohn pro Jahr
- •die 66-%-Lücke wird selbst gedeckt, zum regionalen Medianlohn
- •dazu tiefere AHV- und Pensionskassenbeiträge bis zur Rente
Städtische Module zum Höchsttarif
- •CHF 15’525 pro Kind und Schuljahr
- •Mahlzeiten inklusive, Betreuung bis 18.15 Uhr
- •vorausgesetzt, alle Module sind verfügbar und fristgerecht gebucht
Die Module sind fast immer die günstigste Lösung, wenn man einen Platz bekommt. Die legal angestellte Nanny kostet für die Lückenstunden CHF 23'800 bis 32'400 pro Schuljahr, ist aber die einzige Option, die auch den Genfer Mittwoch, die Randzeiten und kranke Kinder abdeckt. Am teuersten ist das scheinbar Gratis-Modell: Reduziert ein Elternteil sein Pensum um die Lücke, entgehen ihm je nach Region CHF 35'000 bis 56'000 Bruttolohn pro Jahr, plus tiefere AHV- und Pensionskassenbeiträge, die sich bis zur Rente aufsummieren. Genau dieses Modell ist heute der Schweizer Normalfall: In 53 Prozent der Paarhaushalte mit Kindern arbeitet der Vater Vollzeit und die Mutter Teilzeit.
Aufs Jahr gerechnet: 1'300 bis 1'500 Stunden ohne Schule und ohne Eltern
Die Wochenlücke ist nur die halbe Wahrheit, denn sie gilt nur in Schulwochen, und davon gibt es je nach Kanton 36,5 bis 39. Dazu kommen 13 bis 15,5 Wochen Schulferien, denen im Schnitt 5 Ferienwochen der Eltern gegenüberstehen (Clino hat diese Ferienlücke in einer separaten Studie kantonsscharf vermessen). Beide Lücken zusammen ergeben die Jahresbilanz:
| # | Stadt | Std. |
|---|---|---|
| 1 | Biel/Bienne (BE)entspricht rund 77 % einer Vollzeitstelle | 1’507 |
| 2 | Lausanne (VD) | 1’463 |
| 3 | Luzern (LU) | 1’444 |
| 4 | St. Gallen (SG) | 1’440 |
| 5 | Bern (BE) | 1’432 |
| 6 | Winterthur (ZH) | 1’411 |
| 7 | Zürich (ZH) | 1’352 |
| 8 | Basel (BS) | 1’343 |
| 9 | Lugano (TI)kleinste Wochenlücke, aber 15,5 Ferienwochen | 1’310 |
| 10 | Genf (GE)tiefster Wert, mittwochs dennoch ohne Angebot | 1’291 |
Wochenlücke × Schulwochen plus Ferienlücke ((Ferienwochen − 5 Ferienwochen der Eltern) × 50 Std.). Schul- und Ferienwochen gemäss EDK-Kantonsumfrage (BE: Mittelwert 38,5). Annahme: Eltern legen ihre 5 Ferienwochen in die Schulferien. Zum Vergleich: eine 100-%-Stelle umfasst nach Ferien rund 1’960 Arbeitsstunden pro Jahr. Quellen: EDK/IDES; BFS; eigene Berechnung.
1'291 bis 1'507 Stunden pro Jahr ist das Kind weder in der Schule noch von den Ferien der Eltern gedeckt. Zum Vergleich: Eine Vollzeitstelle umfasst nach Abzug der Ferien rund 1'960 Arbeitsstunden. Die strukturelle Betreuungslücke einer Schweizer Familie mit einem Primarschulkind entspricht damit 66 bis 77 Prozent einer Vollzeitstelle, Jahr für Jahr, bis das Kind alt genug ist, allein zuhause zu bleiben.
Zahlen zum Zitieren
«In den zehn grössten Schweizer Schulstädten bleibt für ein Drittklass-Kind zweier Vollzeit-Eltern jede Schulwoche eine Betreuungslücke von 22,5 bis 27,8 Stunden: ein 51- bis 66-Prozent-Pensum, das jemand unbezahlt übernehmen muss.»
Quellen: offizielle Stundenpläne und Blockzeiten 2025/26; BFS AVOL 2024, Pendlermobilität 2023; Clino-Berechnung
«Biel/Bienne hat die grösste Lücke der zehn Städte: 27,8 Stunden pro Woche, übers Jahr 1'507 Stunden. Die Überbrückung zum Höchsttarif kostet CHF 15'525 pro Kind, fast einen Fünftel eines regionalen Medianlohns.»
Quellen: Stadt Biel, AGB Tagesschulen ab August 2026; BKD Kanton Bern; BFS LSE 2024; Clino-Berechnung
«Genf ist der einzige Kanton, dessen Verfassung Tagesbetreuung an jedem Schultag garantiert. Am Mittwoch bietet das Parascolaire trotzdem nichts an: "Il n'y a pas de prise en charge le mercredi."»
Quellen: Constitution de Genève, Art. 204; GIAP, Conditions générales 2025/26
«In Lugano sind Doppelverdiener-Paare die letzte Prioritätskategorie für einen Mensa-Platz. Wer sich bewirbt, reicht eine Arbeitgeberbescheinigung mit Bruttolohn, Arbeitsort und Arbeitszeiten ein.»
Quelle: Città di Lugano, Norme transitorie mensa e doposcuola, Risoluzione Municipale vom 6.2.2025, Art. 4
«Winterthur garantiert jedem Kind einen Betreuungsplatz, verlangt aber ab CHF 77'575 steuerbarem Einkommen den Vollkostentarif von CHF 105 pro Tag. Angemeldet sind trotzdem 47 Prozent aller Kinder.»
Quellen: Stadt Winterthur, Kosten SchuBe (Stand 2026) und Medienmitteilung vom 11.8.2026
«Eine legal angestellte Nanny, die die Wochenlücke schliesst, kostet CHF 23'800 bis 32'400 pro Schuljahr. Deckt stattdessen ein Elternteil die Lücke selbst, entgehen ihm CHF 35'000 bis 56'000 Bruttolohn pro Jahr.»
Quellen: Clino-Lohnrechnung (CHF 25/Std., ordentliches Verfahren); BFS LSE 2024; Clino-Berechnung
Was Familien konkret tun können
Der erste Weg führt über die Stadt: Module früh anmelden, die Fristen sind hart (Biel: Anmeldung bis 31. Mai, sonst droht die Warteliste bis Januar). Was die Module nicht decken, den Genfer Mittwoch, die Randzeiten nach 18 Uhr, Krankheitstage, übernehmen viele Familien mit einer Nanny oder einer regelmässigen Betreuungsperson. Wichtig zu wissen: Auch eine Nachmittags-Nanny ist ein Arbeitsverhältnis. Im Privathaushalt gibt es keine Bagatellgrenze, AHV-Beiträge sind ab dem ersten Franken geschuldet, und bei 22 bis 28 Stunden pro Woche übersteigt die Lohnsumme rasch die Grenze des vereinfachten Verfahrens von CHF 22'680 pro Jahr: Dann ist die ordentliche Abrechnung mit der Ausgleichskasse Pflicht, inklusive Unfallversicherung und, ab rund CHF 22'680 Jahreslohn, Pensionskasse.
Warum eine Lohnplattform diese Daten publiziert
Clino ist die Schweizer Plattform für die legale Anstellung im Privathaushalt: schriftlicher Vertrag, AHV-Anmeldung bei der kantonalen Ausgleichskasse, Unfallversicherung, monatliche Lohnabrechnungen und Lohnausweis, im vereinfachten wie im ordentlichen Verfahren, in allen 26 Kantonen, für CHF 19.90 pro Monat. Die Nachmittags-Nanny, die das 15.30-Uhr-Problem löst, ist einer der häufigsten Fälle, in denen Schweizer Familien zum ersten Mal Arbeitgeber werden. Deshalb vermessen wir diese Lücke und machen die Daten öffentlich.
Die Schule deckt gut die Hälfte des Elternfensters. Die andere Hälfte ist jede Woche neu Organisation, Geld oder Pensum, und in keiner Statistik ein Job.
Überraschende Erkenntnisse
Die Verfassungsgarantie mit mittwochsfreiem Kleingedruckten
Genf ist der einzige Kanton, dessen Verfassung eine Tagesbetreuung «an jedem Schultag» garantiert, und deckt nach eigenen Angaben als einziger 100 Prozent der Nachfrage. Aber die Nachfrage wird nur an vier Tagen definiert: Mittwochs bietet das GIAP schlicht nichts an, für kein Einkommen und keinen Preis. Der Satz steht seit Jahren unverändert in den Bedingungen: «Il n'y a pas de prise en charge le mercredi.»
Lugano hat die kleinste Lücke und den härtesten Zugang
Nirgends deckt die Schule das Elternfenster besser ab als in Lugano: Unterricht bis 16.15 Uhr, kleinste Wochenlücke der zehn Städte. Aber das System dahinter stammt aus einer anderen Zeit: Zwei Stunden Mittagspause, in denen das Kind zuhause isst, keinerlei Betreuung vor 8 Uhr, und ein Mensa-Zugang nach Prioritätenordnung, in der die Familie mit zwei Jobs zuletzt kommt. Das kantonale Gesetz stellt die Schulmensa für Primarschüler bis heute ins Ermessen der Gemeinden: «possono istituire», sie können.
Derselbe Höchsttarif beginnt bei CHF 77'575 oder bei CHF 170'000
Ob eine Familie als «gutverdienend» gilt, hängt vom Wohnort ab: Winterthur verlangt den Vollkostentarif ab CHF 77'575 steuerbarem Einkommen, Bern und Biel erst ab CHF 170'000 massgebendem Einkommen, und Genf verzichtet ganz auf eine Progression nach oben. Dieselbe Doppelverdiener-Familie zahlt so in der einen Stadt den Maximalpreis und gilt in der anderen als subventionsberechtigt.
Quellen
- BFS: Arbeitsvolumenstatistik (AVOL) 2024; Pendlermobilität 2023; SAKE 2024/25 (2024/25), Vertragsarbeitszeit 41:47; Arbeitsweg 30 Min.; Erwerbsmodelle der Paare
- BFS: Lohnstrukturerhebung (LSE) 2024, Medianlöhne nach Grossregion (2025), Publiziert 25.11.2025; CH 7'024, Regionen 5'708 bis 7'502
- Blockzeiten- und Stundenplan-Publikationen der 10 Städte und ihrer Kantone (2025/26), zh.ch, stadt.winterthur.ch, bs.ch/edubs.ch, bern.ch, stadtluzern.ch, stadt.sg.ch, ge.ch, lausanne.ch/vd.ch, scuole.lugano.ch, biel-bienne.ch
- Offizielle Betreuungstarife: Tarifblätter, Reglemente und AGB der 10 Städte (2025/26–2026/27), Höchsttarife, Mahlzeitenpreise, Einkommensschwellen; Bern/Biel: BKD-Stundentarif ab 8/2026
- Gesetzliche Grundlagen: VSG ZH/BE, Schulgesetz BS, Cst-GE Art. 204 + LAJC, Cst-VD Art. 63a, Legge SI/SE TI (2026), Betreuungsansprüche und Bedarfsklauseln, im Originaltext geprüft
- Città di Lugano: Norme transitorie mensa e doposcuola (RM 6.2.2025); GIAP: Conditions générales 2025/26 (2025/26), Prioritätenordnung Lugano; «pas de prise en charge le mercredi»
- Stadt Bern: Statistikbericht familienergänzende Kinderbetreuung 2023; Stadt Winterthur: Medienmitteilung 11.8.2026 (2023–2026), Nutzungsquoten 44,3 % bzw. 47 %
- Kanton Zürich: Monitoringbericht unterrichtsergänzende Betreuung 2022; RTS: «Des parents vaudois dans l'impasse» (9.7.2026) (2022–2026), Mittwochs-Befund, Elternanteil 64 %; Wartezeiten Waadt
Sie vertreten eine Organisation, die Haushalte oder Arbeitnehmende unterstützt?
Partner werden→Weiterführende Ressourcen
Über Clino
Clino ist eine Schweizer SaaS-Plattform, die privaten Haushalten ermöglicht, ihre Haushaltshilfe legal anzustellen: Lohnabrechnung, Arbeitsvertrag, AHV-Anmeldung und Unfallversicherung inklusive. CHF 19.90/Monat. Alle 26 Kantone. Gegründet 2026 in Zürich. clino.ch
