Wer putzt die 10-Millionen-Schweiz? Die Menschen, über die niemand abstimmt, sind längst da
Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» ab. Die Debatte dreht sich um künftige Zuwanderung. Diese Auswertung öffentlicher Daten richtet den Blick auf die Menschen, die schon hier sind und Schweizer Haushalte am Laufen halten — und auf die Millionen, die der AHV dabei entgehen.
Die Initiative fragt, werin die Schweiz kommen darf. Eine andere Frage stellt kaum jemand: Wie behandeln wir die Menschen, die schon hier sind und putzen, betreuen und pflegen? Clino hat dazu öffentliche Daten von Bund, Kantonen und Forschung ausgewertet. Das Bild ist eindeutig — und parteipolitisch unbequem für beide Seiten.
Vier Befunde: Die Hausarbeit der Schweiz wird fast vollständig von Zugewanderten getragen. Wer ihnen den legalen Weg öffnet, gewinnt Beitragszahlende statt Schwarzarbeit. Die korrekte Anmeldung geht trotzdem zurück. Und die alternde Schweiz wird ohne Zuwanderung niemanden zum Pflegen haben.
1. Genf hat es vorgemacht: aus dem Schatten gemeldet — und 85 % zahlen ein
2017 und 2018 regularisierte der Kanton Genf mit der «Opération Papyrus» 2'390 Sans-Papiers. Die grosse Mehrheit der Gesuche betraf die Hauswirtschaft — Reinigungskräfte, Kinderbetreuerinnen, Pflegehilfen; in der untersuchten UNIGE-Kohorte arbeiteten rund 72 % in der häuslichen Wirtschaft. Eine Längsschnittstudie der Universität Genf («Parchemins») hat die Folgen gemessen.
Die Genfer Zahlen widerlegen die Angst-Erzählung: Wer den legalen Weg öffnet, bekommt Steuer- und AHV-Zahlende — nicht Sozialfälle.
Die Dimension ist national: Laut einer Studie des Staatssekretariats für Migration leben rund 76'000 Sans-Papiers in der Schweiz; etwa die Hälfte arbeitet in Privathaushalten, neun von zehn im erwerbsfähigen Alter sind erwerbstätig. In der Genfer Kohorte waren rund drei Viertel Frauen, mehrheitlich aus Lateinamerika und von den Philippinen.
Quellen
- Kanton Genf, Bilan Opération Papyrus (2017–2018) — 2'390 regularisiert; grosse Mehrheit Hauswirtschaft
- UNIGE / Parchemins (DeFacto) (2023) — Deklarierte Arbeit 41 % → 85 %, <1 % Sozialhilfe, ~72 % in der Hauswirtschaft
- Staatssekretariat für Migration (SEM) (2015) — ~76'000 Sans-Papiers, ~50 % in Privathaushalten
2. Der AHV fehlen schon heute Millionen — im Wohnzimmer
Während der Abstimmungskampf um die Sicherung der Sozialwerke ringt, fliessen Beiträge in Millionenhöhe unbemerkt am Sozialstaat vorbei. Von geschätzt 400'000–500'000 Haushalten mit Hauspersonalnutzen nur 68'247 das dafür geschaffene vereinfachte Abrechnungsverfahren — rund einer von sechs bis sieben.
In absoluten Zahlen waren das 2024 nur 68'247 Haushalte — 6 Prozent weniger als im Vorjahr. Ein Teil meldet zusätzlich über das ordentliche AHV-Verfahren an; die Quote ist daher ein Indikator für die Nutzung des einfachsten Kanals, keine exakte Schwarzarbeitsquote.
Einordnung: Der markante Knick 2021–2022 ist gemäss BSV grossteils eine Reklassifizierung (ein grosser Anbieter wurde 2021 zum direkten Arbeitgeber und meldet seither über das ordentliche Verfahren). Die Zahlen überzeichnen also keine reine Ent-Formalisierung; der seitherige Rückgang 2022–2024 beträgt −7,5 %.
Über diesen legalen Kanal flossen 2024 lediglich CHF 26,9 Millionen an AHV-Beiträgen. Privathaushalte gelten beim Bund zwar als Risikobereich für Schwarzarbeit — weil sie aber statistisch nicht als Betriebe zählen, fallen sie aus dem Vergleich der Kontrolldichte pro Beschäftigte heraus und bleiben weitgehend unter dem Radar.
Wer die AHV ernsthaft sichern will, muss nicht zuerst über Zuwanderung reden, sondern über die unsichtbaren Millionen, die jeden Monat im eigenen Zuhause am Sozialstaat vorbeifliessen.
Eine ältere Branchenschätzung (quitt.ch, 2017) beziffert allein den AHV-Verlust auf bis zu CHF 320 Millionen, wenn Nannys und Betreuende mitgerechnet werden. Clino führt bewusst die konservative Rechnung — das Bild bleibt dasselbe: Der grösste unkontrollierte Schwarzarbeitssektor der Schweiz ist das eigene Zuhause.
Quellen
- BSV, AHV-Statistik (vereinfachtes Abrechnungsverfahren, Tab. 4.2) (2024) — 68'247 Haushalte (−6 %), CHF 26,9 Mio. Beiträge
- SECO, BGSA-Bericht (Bekämpfung Schwarzarbeit) (2024) — Privathaushalte sind keine Betriebe (BFS) und fehlen im Kontrolldichte-Vergleich
- Clino-Modell (Methodik unten) (2026) — CHF 55–85 Mio./Jahr, konservativ
3. Zu 95 Prozent zugewandert: Wer putzt und pflegt die Schweiz
Die Initiative zielt auf die Zuwanderung — und damit auf jene Menschen, ohne die in Schweizer Haushalten buchstäblich das Licht ausginge. In der Reinigungsbranche haben laut Sozialpartnern rund 95 Prozent der etwa 80'000 Beschäftigten einen Migrationshintergrund; etwa 80 Prozent sind Frauen.
Besonders aufschlussreich ist ein blinder Fleck: Privathaushalte als Arbeitgeber sind aus dem nationalen Unternehmensregister ausgeschlossen — die Branche, die unzählige Haushalte am Laufen hält, taucht in der offiziellen Betriebsstatistik gar nicht auf.
Quellen
- Allpura / Syna (Sozialpartner Reinigung) (2024) — ~95 % Migrationshintergrund, ~80'000 Beschäftigte
- BFS, Ausländische Arbeitskräfte (2025) — 34,9 % aller Erwerbstätigen ausländisch
- BFS, Grenzgängerstatistik (Q4 2025) — ~411'000; grösste Branche Gesundheit/Soziales
4. Pflegelücke trifft Bevölkerungsdeckel
Die Schweiz altert rasant — und der Pflegebedarf steigt genau dann, wenn die Initiative die Zuwanderung deckeln will. Bis 2050 verdoppelt sich die Zahl der über 80-Jährigen von 0,46 auf 1,11 Millionen (BFS-Szenarien 2020–2050); der Altersquotient steigt von 32,9 auf 44,9.
Einen grossen Teil der Betreuung übernehmen migrantische 24-Stunden-Betreuerinnen, meist aus Osteuropa — in einem «statistischen Niemandsland», wie es das Gesundheitsobservatorium nennt, ohne offizielles Register. Die Pflegelücke lässt sich nicht per Initiative wegstimmen.
Quellen
- BFS, Bevölkerungsszenarien 2020–2050 (80+) bzw. 2025–2055 (Altersquotient) (2020/2025) — 80+: 0,46 Mio. (2020) → 1,11 Mio. (2050); Altersquotient 32,9 → 44,9
- OBSAN, Bedarf Alters- und Langzeitpflege (2025) — +50 % bis 2040; +36'900 Betten; ~14'000 fehlende Pflegekräfte bis 2030
- OBSAN / GDK Versorgungsbericht (2021–23) — ~30 % im Ausland ausgebildet, Romandie ~50 %
5. Genf zeigt, dass es geht — der Rest des Landes hat kein System
Eine einfache Frage bleibt in der Debatte unbeantwortet: Warum ist es in der Schweiz so umständlich, Hauspersonal korrekt anzumelden? Der Vergleich mit den Nachbarländern ist eindeutig — die Schweiz ist das einzige unter ihnen ohne nationales System, das die Anmeldung einfach und attraktiv macht.
| Land | System | Reichweite |
|---|---|---|
| Frankreich | CESU | ~3,4 Mio. Arbeitgeber-Haushalte |
| Belgien | titres-services | 146'097 Beschäftigte |
| Italien | INPS colf/badanti | 833'874 Beitragszahlende |
| Deutschland | Haushaltsscheck | ~246'700 angemeldet (~91 % schwarz) |
| Schweiz | kein nationales System | nur Genf: ~11'000 Arbeitgeber |
Und genau Genf liefert den Beweis, dass solche Systeme wirken: Dort stieg der deklarierte Anteil der Hauswirtschaftslöhne über rund zwei Jahrzehnte von etwa 5 auf 71 Prozent.
Genf zeigt, dass Formalisierung kein Zwang sein muss, sondern eine Frage des einfachen Wegs. Die Schweiz hat das Rezept im eigenen Land — sie wendet es nur in einem einzigen Kanton an.
Quellen
- URSSAF / FEPEM (CESU, Frankreich) (2023) — ~3,4 Mio. Arbeitgeber-Haushalte, 50 % Steuergutschrift
- ONSS (titres-services, Belgien) / INPS (Italien) (2023–25) — 146'097 bzw. 833'874
- EPER / Le Temps (Chèque service Genf) (2024) — deklarierter Anteil 5 % → 71 %
6. Heute schwarz geputzt, morgen Ergänzungsleistungen
Schwarzarbeit im Haushalt ist keine private Ersparnis — sie verschiebt die Kosten in die Zukunft. Wer heute undeklariert oder unter der Pensionskassen-Schwelle putzt und pflegt, baut kaum Rente auf und landet im Alter überdurchschnittlich oft bei den steuerfinanzierten Ergänzungsleistungen.
Hauspersonal ist überwiegend weiblich und arbeitet meist Teilzeit, oft in mehreren Haushalten. Liegt der einzelne Lohn unter der BVG-Eintrittsschwelle von CHF 22'680 (2026), entsteht keine obligatorische zweite Säule — selbst dann nicht, wenn mehrere kleine Pensen zusammen darüber lägen.
Altersarmut nach Geschlecht — Frauen sind fast doppelt so oft betroffen (BFS).
Die fehlenden Beiträge von heute sind die Ergänzungsleistungen von morgen — bezahlt von uns allen.
Quellen
- BFS, Pension Gap / Armutsstatistik (2024) — Gender Pension Gap 32,8 %; Altersarmut Frauen 17,7 %
- BSV, EL-Statistik (2024) — 225'900 EL-Beziehende AHV; CHF 5,9 Mrd.; 12,2 %
- BSV, BVG-Kennzahlen (2026) — Eintrittsschwelle CHF 22'680
Die Zahlen für Ihren Kanton
Die Abhängigkeit ist regional verteilt. Genf vereint die höchste Sans-Papiers-Dichte und einen grossen Teil der Grenzgänger; das Tessin lebt von Grenzgängern; und in den meisten Kantonen ist der nationale NAV-Mindestlohn (ab 2026 CHF 20.35/h ungelernt) der einzige Lohnschutz für Hauspersonal.
| Kanton | Sans-Papiers (2015) | Grenzgänger (Q4 2025) | Mindestlohn 2026 |
|---|---|---|---|
| Zürich | ~28'000 | — | kein kantonaler |
| Genf | ~13'000 | ~112'600 | CHF 24.59/h |
| Waadt | ~12'000 | ~44'400 | kein kantonaler |
| Tessin | — | ~83'800 | ~CHF 20.0–20.5/h |
| Basel-Stadt | ~5'000 | — | CHF 22.20/h |
| Jura | — | — | CHF 21.40/h |
Grenzgänger-Absolutwerte sind aus den BFS-Anteilen am Total (411'000) geschätzt; Sans-Papiers sind SEM-Schätzungen von 2015 (weiterhin die offiziellen). Die Mehrheit der Kantone hat keinen gesetzlichen Mindestlohn.
Quellen
- SEM, Sans-Papiers in der Schweiz (2015) — Kantonale Schätzungen (Morlok et al.)
- BFS, Grenzgängerstatistik (Q4 2025) — Anteile GE 27,4 %, TI 20,4 %, VD 10,8 %
- Unia / SECO (NAV Hauswirtschaft) (2026) — Kantonale Mindestlöhne + nationaler NAV-Boden CHF 20.35/h
Was die Zahlen bedeuten
Clino gibt keine Abstimmungsempfehlung. Aber die Daten verschieben die Frage: weg von wer kommt, hin zu wie wir behandeln, wer schon da ist. Die Menschen, die unsere Wohnungen putzen und unsere Eltern pflegen, sind längst hier und wollen längst dazugehören — angemeldet, versichert, einzahlend. Genf zeigt, dass das funktioniert.
Pressetaugliche Schlagzeilen
«Wer putzt die 10-Millionen-Schweiz? Zu 95 Prozent Zugewanderte»
«Genf hat es vorgemacht: aus dem Schatten gemeldet — und 85 % zahlen ein»
«Bevor wir über 10 Millionen streiten: Der AHV fehlen schon heute Millionen im Wohnzimmer»
«Pflegelücke trifft Bevölkerungsdeckel: Die Schweiz altert schneller, als sie pflegen kann»
«Wer heute schwarz putzt, ist morgen ein EL-Fall: Schwarzarbeit ist eine aufgeschobene Rechnung an die Steuerzahlenden»
Clino ist die Schweizer Plattform, mit der Privathaushalte ihr Hauspersonal in wenigen Minuten legal anstellen — Vertrag, Lohnabrechnung, AHV und Unfallversicherung inklusive. Aus Schwarzarbeit wird eine korrekte Anstellung: fair für die Angestellten, rechtssicher für die Arbeitgeber.
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Über Clino
Clino ist eine Schweizer SaaS-Plattform, die privaten Haushalten ermöglicht, ihre Haushaltshilfe legal anzustellen — Lohnabrechnung, Arbeitsvertrag, AHV-Anmeldung und Unfallversicherung inklusive. CHF 19.90/Monat. Alle 26 Kantone. Gegründet 2025 in Zürich. clino.ch
