Die Schweiz verliert ihre Tagesmütter
Die Zahl der Tagesfamilien-Betreuungsplätze bei den kibesuisse-Mitgliedsorganisationen ist von 4'211 (2019) auf 3'388 (2023) gesunken, ein Rückgang von 19,5 % in vier Jahren, genau in der Zeit, in der die Nachfrage der Haushalte nach dieser Betreuungsform deutlich gestiegen ist.
Kein anderes Segment der Schweizer familienergänzenden Kinderbetreuung bewegt sich in diese Richtung: Kitas und schulergänzende Betreuung wachsen zweistellig, die Tagesfamilie schrumpft. Diese Studie zeigt das Ausmass des Schwunds, ordnet ihn neben eine wachsende Nachfrage ein und macht am Beispiel einer Berner Gemeinde sichtbar, was eine nationale Prozentzahl vor Ort bedeutet.
Zusammenfassung
Bei den Mitgliedsorganisationen von kibesuisse, dem Dachverband der familien- und schulergänzenden Betreuung, ist die Zahl der Tagesfamilien-Betreuungsplätze von einem Höchststand von 4'211 Plätzen im Jahr 2019 auf 3'388 im Jahr 2023 gesunken: ein Rückgang von 19,5 % in nur vier Jahren. Gemeint sind Betreuungsplätze bei akkreditierten Organisationen, nicht die Zahl einzelner Tagesmütter und nicht die Zahl betreuter Kinder: eine wichtige Unterscheidung, die diese Studie durchgehend einhält.
Über das ganze Jahrzehnt 2014 bis 2023 zeigt dieselbe Quelle, dasselbe Mitglieder-Kollektiv, eine Schere: Die Tagesfamilien-Plätze schrumpften um 8,9 %, während die Kita-Plätze im selben Verband um 71,0 % und die Plätze in der schulergänzenden Betreuung um 204,2 % wuchsen. Drei Betreuungsformen, ein Jahrzehnt, drei völlig unterschiedliche Richtungen.
Das Angebot schrumpft dabei nicht, weil die Nachfrage fehlt: Der Anteil der Schweizer Haushalte, die eine Tagesfamilie nutzen, stieg von 6,3 % (2018) auf 9,5 % (2023), ein relativer Anstieg von rund 51 % (BFS-Erhebung EFG, die Werte 2023 sind wegen eines Methodenwechsels nur bedingt mit 2018 vergleichbar). In Worb (Kanton Bern) macht ein regionaler Tageselternverein sichtbar, was diese nationalen Prozentzahlen vor Ort bedeuten können: Die Zahl der aktiven Tagesfamilien fiel dort von 28 auf 13, -53,6 %. Eine unabhängige zweite Zahl, die BFS-Beschäftigtenstatistik STATENT für die gesamte Kita-Branche, bestätigt das Bild aus einem anderen Blickwinkel: Die Vollzeitstellen in diesem Sektor haben sich seit 2011 mehr als verdoppelt (+115,2 %).
Der Schwund: eine einzige Zahl, ein klarer Trend
Die kibesuisse-Jahresberichte zeichnen dieselbe Grafik seit Jahren neu, und die Zahlen der überlappenden Jahre stimmen zwischen den Ausgaben exakt überein: ein stabiler, gut dokumentierter Datensatz. 2019 erreichten die Tagesfamilien-Betreuungsplätze bei den Mitgliedsorganisationen ihren Höchststand von 4'211. Seither geht die Kurve fast ununterbrochen nach unten: 3'925 (2020), 3'688 (2021), 3'632 (2022), 3'388 (2023).
Betreuungsplätze bei kibesuisse-Mitgliedsorganisationen, national (nicht: Anzahl Tagesmütter, nicht: betreute Kinder). Höchststand 2019 (4’211), seither −19,5 % bis 2023 (3’388). Quelle: kibesuisse, Jahresberichte 2022 und 2024.
Wichtig für die Einordnung: Diese Reihe zählt Betreuungsplätze bei akkreditierten Mitgliedsorganisationen, national, nicht kantonal aufgeschlüsselt. Sie ist damit eine untere Grenze der tatsächlichen Zahl, denn sie erfasst nur Tagesfamilien, die einer kibesuisse-Organisation angeschlossen sind. Sie sagt nichts darüber aus, wie viele Kinder betreut werden oder wie viele Personen als Tagesmutter arbeiten, nur wie viele Plätze die Organisationen anbieten.
Die Schere: drei Betreuungsformen, ein Jahrzehnt
Die eigentliche Geschichte zeigt sich erst im Vergleich. Zieht man die Perspektive auf das ganze Jahrzehnt 2014 bis 2023 und indexiert alle drei Betreuungsformen auf 2014 = 100, ergibt sich das prägnanteste Bild dieser Studie: Tagesfamilien-Plätze schrumpfen (-8,9 %, von 3'721 auf 3'388), während Kita-Plätze im selben Verband um +71,0 % (24'999 auf 42'741) und Plätze in der schulergänzenden Betreuung sogar um +204,2 % (16'506 auf 50'216) wachsen.
Gleiche Quelle, gleiches Mitglieder-Kollektiv, drei Betreuungsformen. Tagesfamilien-Plätze: 3’721→3’388 (−8,9 %). Kita-Plätze: 24’999→42’741 (+71,0 %). Plätze in schulergänzender Betreuung: 16’506→50’216 (+204,2 %). Quelle: kibesuisse, Jahresberichte 2022 und 2024.
Alle drei Reihen stammen aus derselben Quelle und demselben Mitglieder-Kollektiv, ein direkter, methodisch sauberer Vergleich. Er zeigt eine Verschiebung innerhalb der familienergänzenden Betreuung selbst: weg vom Betreuungsmodell im Haushalt einer einzelnen Tagesmutter, hin zu institutionellen Formen mit fester Infrastruktur. Warum diese Verschiebung stattfindet, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht abschliessend beantworten: mögliche Faktoren reichen von den strengeren Zulassungsauflagen für Tagesfamilien über den generellen Ausbau des Kita-Angebots bis zu veränderten Erwartungen der Eltern. Diese Studie zeigt das Muster, nicht dessen einzige Ursache.
Andere Quelle, andere Grundgesamtheit: BFS-Betriebszählung STATENT, alle Betriebe der Wirtschaftsart 889100 (Kinderbetreuung) schweizweit, nicht nur kibesuisse-Mitglieder. Nicht mit der Tagesfamilien-Reihe oben zusammengelegt. 18’506→39’816 Vollzeitäquivalente, +115,2 %. Quelle: BFS STATENT.
Die Nachfrage steigt trotzdem
Der Rückgang der Plätze ist kein Spiegelbild einer sinkenden Nachfrage, im Gegenteil. Laut der BFS-Erhebung zur familienergänzenden Kinderbetreuung (EFG) stieg der Anteil der Haushalte mit Kindern im Alter von 0 bis 12 Jahren, die eine Tagesfamilie nutzen, von 6,3 % im Jahr 2018 auf 9,5 % im Jahr 2023, ein relativer Anstieg von rund 51 %.
⚠️ Wegen eines Methodenwechsels sind die Werte 2023 nur bedingt mit 2018 vergleichbar (BFS-Fussnote). 6,3 % ± 0,8 (2018) → 9,5 % ± 1,0 (2023), Haushalte mit Kindern 0–12 Jahre. Quelle: BFS, Erhebung zur familienergänzenden Kinderbetreuung (EFG).
Der BFS weist selbst darauf hin, dass die beiden Erhebungswellen wegen eines Methodenwechsels nur bedingt vergleichbar sind, ein Hinweis, den diese Studie sichtbar mitführt statt in einer Fussnote zu verstecken. Auch mit dieser Einschränkung bleibt die Grundaussage robust: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Familien die Betreuungsform Tagesfamilie weniger wollen. Das Angebot schrumpft, während die Wunschliste wächst, ein klassisches Zeichen einer echten Angebotslücke.
Worb BE: eine Prozentzahl wird zu einem Ort
Nationale Prozentzahlen bleiben abstrakt, bis man sieht, was sie in einer einzelnen Gemeinde bedeuten. Der regionale Tageselternverein Worb im Kanton Bern hat in einer eigenen Medienmitteilung offengelegt, wie stark sein Angebot geschrumpft ist: Zu Spitzenzeiten waren 28 Tagesfamilien für die familienergänzende Betreuung von rund 85 Familien zuständig. Zuletzt waren es nur noch 13 Tagesfamilien für gut 50 Betreuungsverhältnisse: ein Rückgang von 53,6 % bei den aktiven Tagesfamilien.
| Höchststand | Aktuell | |
|---|---|---|
| Aktive Tagesfamilien | 28 | 13 |
| Betreute Familien (ca.) | ≈85 | >50 |
Regionaler Tageselternverein Worb (BE), keine landesweite Erhebung. −53,6 % bei den aktiven Tagesfamilien (28→13); die Zahl der betreuten Familien fiel von rund 85 auf gut 50 Betreuungsverhältnisse. Wichtig: Diese Zeile zählt Tagesfamilien (Personen), nicht Plätze wie die nationale kibesuisse-Reihe oben. Quelle: kibesuisse, Medienmitteilung vom 29.01.2025.
Wichtig ist die genaue Bedeutung dieser Zahl: Die Worb-Zahlen zählen aktive Tagesfamilien, also Personen, nicht Plätze wie die nationale kibesuisse-Reihe weiter oben. Beide Masse gehören zur selben Geschichte, sind aber nicht direkt addierbar. Worb ist eine einzelne, gut dokumentierte Gemeinde, keine landesweite Erhebung, sie zeigt aber exemplarisch, wie sich ein nationaler Trend auf der Ebene einer Gemeinde anfühlt: für Eltern, die einen Platz suchen, und für die verbliebenen Tagesfamilien, die mehr Nachfrage auf sich vereinen.
Was die Google-Suche seit 2016 zeigt
Ein zusätzliches, unabhängiges Signal liefert das Suchverhalten selbst. Ein einziger Google-Trends-Abruf mit allen vier Begriffen gemeinsam (damit alle vier Kurven auf derselben Skala vergleichbar sind) zeigt für die Schweiz: Das Suchinteresse an «Tagesmutter» ist von 2016 bis 2026 um 49 % gesunken, während jenes an «Kita» um 77 % gestiegen ist. Auch «Nanny» (-27 %) und «Babysitter» (-36 %) haben an Suchinteresse verloren, «Kita» ist die einzige der vier Kategorien, die in jedem einzelnen Jahr zulegt.
Google Trends, Suchraum Schweiz, ein einziger Abruf mit allen 4 Begriffen (relative 0–100-Skala, damit die Serien vergleichbar sind). Eigene Auswertung: Jahresdurchschnitt, indexiert auf 2016 = 100; 2026 ist nur Januar–Juli (YTD). Suchinteresse ist ein Aufmerksamkeits-Signal, keine Nutzungszahl. Datenabruf: 24.07.2026.
Suchinteresse ist ein Aufmerksamkeits-Signal, keine Nutzungszahl, und diese Studie behandelt es entsprechend vorsichtig: als ergänzenden Hinweis, nicht als Beweis. Bemerkenswert ist trotzdem, wie genau die Richtung dieses öffentlichen Signals mit den offiziellen kibesuisse-Zahlen übereinstimmt: Beide Datensätze, unabhängig voneinander erhoben, zeigen in dieselbe Richtung.
Zahlen zum Zitieren
Fünf druckfertige Sätze für Redaktionen, jeder mit Quellenangabe.
«Die Zahl der Tagesfamilien-Betreuungsplätze bei kibesuisse-Mitgliedsorganisationen ist von einem Höchststand von 4'211 (2019) auf 3'388 (2023) gesunken, ein Rückgang von 19,5 % in vier Jahren.»
Quelle: kibesuisse, Jahresbericht 2024
«Über das Jahrzehnt 2014 bis 2023 sind die Tagesfamilien-Plätze bei kibesuisse-Mitgliedern um 8,9 % geschrumpft, während die Kita-Plätze im selben Kollektiv um 71,0 % und die Plätze in der schulergänzenden Betreuung um 204,2 % gewachsen sind.»
Quelle: kibesuisse, Jahresberichte 2022 und 2024
«Der Anteil der Schweizer Haushalte, die eine Tagesfamilie nutzen, ist von 6,3 % (2018) auf 9,5 % (2023) gestiegen, ein relativer Anstieg von rund 51 %. Die Werte sind wegen eines Methodenwechsels nur bedingt mit 2018 vergleichbar (BFS).»
Quelle: BFS, Erhebung zur familienergänzenden Kinderbetreuung (EFG) 2023
«In der Region Worb (Kanton Bern) ist die Zahl der aktiven Tagesfamilien von 28 im Spitzenjahr auf zuletzt 13 gesunken, ein Rückgang von 53,6 %.»
Quelle: kibesuisse, Medienmitteilung vom 29.01.2025
«Während die Tagesfamilien-Plätze schrumpfen, ist die Beschäftigung in der Schweizer Kita-Branche, gemessen in Vollzeitäquivalenten, von 18'506 (2011) auf 39'816 (2023) gestiegen, ein Plus von 115,2 %.»
Quelle: BFS STATENT
Wenn die Tagesfamilie fehlt
Für Familien, die keinen Platz bei einer Tagesfamilie finden, bleibt oft nur eine Alternative: eine Nanny oder Betreuerin direkt anstellen. Das ist rechtlich möglich, in jedem der 26 Kantone, verpflichtet die Familie aber zu denselben Arbeitgeberpflichten wie jede andere Anstellung im Privathaushalt: schriftlicher Vertrag, AHV-Anmeldung ab dem ersten Franken, Unfallversicherung, BVG, wo geschuldet.
Ohne Anmeldung
- •Kein schriftlicher Vertrag, keine AHV-Beiträge
- •Kein Unfallschutz für die Betreuungsperson
- •Bei einer Kontrolle drohen Beitragsnachforderungen und Bussen
- •Die Betreuungsperson baut keine eigene Rente auf
Legal angestellte Nanny
- •Schriftlicher Vertrag, AHV/IV/EO ab dem ersten Franken
- •Unfallversicherung, BVG wo geschuldet
- •Monatliche Lohnabrechnung und Lohnausweis
- •Die Betreuungsperson baut Rente, Unfallschutz und Rechte auf
Warum eine Lohnplattform diese Daten publiziert
Clino registriert Anstellungen im Privathaushalt, Nannys und Betreuerinnen eingeschlossen, in allen 26 Kantonen: schriftlicher Vertrag, AHV-Anmeldung bei der kantonalen Ausgleichskasse, Unfallversicherung, BVG wo geschuldet, monatliche Lohnabrechnungen und Lohnausweis, für CHF 19.90 pro Monat. Wenn eine Familie mangels Tagesfamilien-Platz eine Nanny direkt anstellt, ist die korrekte Anmeldung keine Nebensache: Sie entscheidet, ob die Betreuungsperson eine Rente aufbaut und versichert ist.
Die Schweiz baut ihre familienergänzende Betreuung um, mehr Kita, mehr schulergänzende Angebote, weniger Tagesfamilien, während genau die Nachfrage nach Letzteren wächst. Diese Lücke wird nicht durch Statistik geschlossen, sondern durch Familien, die einen anderen Weg finden müssen.
Überraschende Erkenntnisse
Wachsende Nachfrage und schrumpfendes Angebot, gleichzeitig
Zwischen 2018 und 2023 ist der Anteil der Haushalte, die eine Tagesfamilie nutzen wollen, relativ um rund 51 % gestiegen, während die Zahl der verfügbaren Plätze bei kibesuisse-Mitgliedern im selben Zeitraum um fast einen Fünftel gefallen ist. Nachfrage und Angebot bewegen sich in entgegengesetzte Richtungen, ein Lehrbuchbeispiel für eine echte Versorgungslücke, keine Nachfrageflaute.
Die Google-Suche zeigte die Richtung schon früh an
Das Suchinteresse an «Tagesmutter» ist zwischen 2016 und 2026 um fast die Hälfte gesunken, während «Kita» in jedem einzelnen Jahr zulegte. Suchinteresse ist kein Nutzungsbeweis, aber ein öffentliches Aufmerksamkeits-Signal, das über ein Jahrzehnt genau in dieselbe Richtung zeigt wie die offiziellen Statistiken, lange bevor die meisten davon veröffentlicht waren.
-53,6 % sieht in einer einzelnen Gemeinde dramatisch aus
Eine nationale Zahl wie -19,5 % bleibt abstrakt. In Worb (BE) bedeutete derselbe Trend, dass ein einziger regionaler Tageselternverein mehr als die Hälfte seiner aktiven Tagesfamilien verlor, von 28 auf 13, und die Zahl der betreuten Familien von rund 85 auf gut 50 fiel. Was auf nationaler Ebene wie eine moderate Prozentzahl wirkt, kann auf Gemeindeebene das Ende eines Angebots für viele Familien bedeuten.
Quellen
- kibesuisse: Jahresbericht 2024 (2024) — Tagesfamilien-, Kita- und SEB-Betreuungsplätze der Mitgliedsorganisationen, national, 2016–2023
- kibesuisse: Jahresbericht 2022 (2022) — Ergänzende Werte für 2014–2015 (überlappende Jahre stimmen mit JB2024 exakt überein)
- kibesuisse: Medienmitteilung zu den Tagesfamilien im Kanton Bern (2025) — Regionale Zahlen des Tageselternvereins Worb, publiziert am 29.01.2025
- BFS: Erhebung zur familienergänzenden Kinderbetreuung (EFG) (2023) — Haushaltsanteil, der eine Tagesfamilie nutzt, 2018 und 2023, mit Methodenwechsel-Hinweis
- BFS: Statistik der Unternehmensstruktur (STATENT) (2023) — Vollzeitäquivalente der Wirtschaftsart 889100 (Kinderbetreuung), Schweiz, 2011–2023
- Google Trends (2026) — Suchinteresse Schweiz, «Tagesmutter», «Kita», «Nanny», «Babysitter», eigene Auswertung, Datenabruf 24.07.2026
Weitere Studien aus dem Betreuungsreport 2026
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Über Clino
Clino ist eine Schweizer SaaS-Plattform, die privaten Haushalten ermöglicht, ihre Haushaltshilfe legal anzustellen — Lohnabrechnung, Arbeitsvertrag, AHV-Anmeldung und Unfallversicherung inklusive. CHF 19.90/Monat. Alle 26 Kantone. Gegründet 2025 in Zürich. clino.ch
